Lebensstationen
Elternhaus in Fürth
Am 21. Februar 1808 wird Wilhelm Löhe als Sohn des Kaufmannsehepaares Johannes und Maria Barbara Löhe in Fürth geboren.
Unter der Obhut der Mutter
Nach dem frühen Tod des Vaters am 28. Oktober 1816 sorgt die in der pietistischen Tradition verwurzelte Mutter Maria Barbara mit einem großen finanziellen Aufwand dafür, dass ihr begabter Sohn Wilhelm Theologie studieren kann.
Schüler am Nürnberger Gymnasium
Von 1821 bis 1826 besucht Wilhelm Löhe das Nürnberger Gymnasium. Dort beeindruckt den begabten und schüchternen Schüler Schulrektor Karl Ludwig Roth aufgrund seiner fachlichen und pädagogischen Qualitäten sowie seiner religiösen Überzeugung.
Studium und Erweckungsbewegung in Erlangen
Im November 1826 beginnt Löhe sein Theologiestudium in Erlangen. Unter dem Einfluss des reformierten Theologen Christian Krafft schließt er sich dem Erlanger Kreis der Erweckungsbewegung an. Dort lernt er auch den Mineralogen und Naturhistoriker Karl von Raumer kennen, der ihm zu einem väterlichen Freund wird. Kraffts und von Raumers diakonisches und missionarisches Engagement inspirieren Löhe zur Gründung einer Fürther Lesegesellschaft und eines Missionskränzchens zur Unterstützung der Baseler Mission.
Das Berliner Studiensemester
1828 studiert Löhe für ein Semester in Berlin. Auch hier sind es vor allem erweckte Theologen und Prediger wie Ernst Wilhelm Hengstenberg und Gerhard Friedrich Strauß, die ihn ansprechen. Löhe lernt in Berlin zudem die dortige Erweckungsbewegung um Baron Ernst von Kottwitz kennen.
Innere Vorbereitung auf das Vikariat
Wieder zurück in Erlangen bereitet sich Löhe intensiv auf seine Tätigkeit als Pfarrer vor. Das beinhaltet für den Erweckungstheologen auch eine radikale Abkehr von der „Welt“, von allem, was ihn seiner Meinung nach von Gott fernhalten könnte.
Auf der Wanderschaft als Erweckungstheologe
Sein kirchliches Examen im Oktober 1830 legt Löhe mit der Note ‚sehr gut, dem Vorzüglich nahe‘ ab. Seine Examenspredigt wird jedoch als zu ‚mystisch‘ bewertet. Dadurch zerschlägt sich die sicher geglaubte Vikariatsstelle in Fürth. Es beginnen seine Wanderjahre als Vikar und Pfarrverweser, die bis Sommer 1837 andauern. Das Aufsehen erregende Auftreten als streitbarer Erweckungsprediger, der sich bis Mitte der 1830er Jahre zu einem konfessionellen Theologen weiterentwickelt, die regen missionarischen und diakonischen Bemühungen sowie publizistischen Aktivitäten sorgen dafür, dass Löhes Name „wie die Pest“ bekannt wird.
Die wenigen Jahre mit Helene
Am 25. Juli 1837 wird Wilhelm Löhe in Frankfurt mit Helene Andreae vermählt, die er zwei Jahre vorher in Nürnberg kennengelernt hat. Die sechs Ehejahre bis zu ihrem frühen Tod aufgrund einer Typhuserkrankung am 24. November 1843 erlebt er als die glücklichste Zeit seines Lebens.
Alleinerziehender Vater
Helene Löhe bringt die Kinder Johann Ferdinand, Marianne, Gottfried und Philipp zur Welt. Nach Helenes Tod entschließt sich Löhe, die Kinder allein zu erziehen. Am 14. September 1844 muss der Witwer noch den Tod seines jüngsten und ständig erkrankten Sohnes Philipp verkraften.
Die Pfarrgemeinde Neuendettelsau
Am 1. August 1837 zieht Löhe mit seiner Ehefrau Helene in die Neuendettelsauer „Pfarrhütte“ ein. Knapp die Hälfte der Einwohner in und um Neuendettelsau leiden unter der im 19. Jahrhundert grassierenden Massenarmut.
Liturgische Erziehung im Geist des konfessionellen Luthertums
In den ersten Jahren seiner Neuendettelsauer Amtstätigkeit konzentriert sich Löhe auf die liturgische Bildung seiner Gemeinde. Mit einem vielfältigen Gottesdienstangebot, einer intensiven Gemeindearbeit und zahlreichen Veröffentlichungen zur Liturgie des Gottesdienstes führt er in Neuendettelsau mit seiner Kirchengemeinde eine neu entwickelte und konfessionell orientierte Gottesdienstkultur ein.
Hinwendung zur lutherischen Nordamerikamission
Die Lektüre eines Aufrufs des deutsch-amerikanischen Pastors Friedrich Wynecken am 8. Dezember 1840, in dem der spätere Präses der Missouri-Synode darum bittet, lutherische Prediger zu den Auswanderergemeinden in Nordamerika zu senden, löst Löhes privates Engagement für die Nordamerikamission aus. Unterstützt wird er dabei von seinen Missionsfreunden, dem Dresdener „Verein zur Unterstützung der lutherischen Kirche in Nordamerika“ und vom Vorsitzenden des hannoverschen Missionsvereins, Pastor Ludwig Adolf Petri.
Johann Friedrich Wucherers Beitrag zur Neuendettelsauer Nordamerikamission
Einer von Löhes engsten Mitarbeitern in der Nordamerikamission ist der Pfarrer und Publizist Friedrich Wucherer. Neben gemeinsamen publizistischen Projekten wie der Herausgabe des vielgelesenen Monatsblattes „Kirchliche Mittheilungen aus und über Nordamerika“ arbeitet Wucherer auch als Obmann in der 1849 gegründeten „Gesellschaft für innere Mission im Sinne der lutherischen Kirche“ mit. Sie soll der Neuendettelsauer Nordamerikamission eine stabile Form und Organisation verleihen.
Die ersten "Nothelfer"
Am 11. Juli 1842 reisen Adam Ernst und Georg Burger als erste Neuendettelsauer „Sendlinge“ bzw. „Nothelfer“ zusammen mit Pastor Wynecken nach Nordamerika ab. Auf Vermittlung von Prof. Friedrich Winkler schließen sie sich der Ohio-Synode an. Nach einer Ausbildung am Predigerseminar der Synode in Columbus beginnen sie in Ohio ihren Dienst als Pastoren deutsch-lutherischer Auswanderergemeinden.
Die Gründung der Missionsanstalt und Missouri-Synode
Im Jahr 1841 kann Löhe den Nürnberger Theologen, Pädagogen und Germanisten Friedrich Bauer zur Mitarbeit in der Nordamerikamission überreden. Bauer, den Löhe auf dem Laufenden in der Nordamerikasache hält, arbeitet zunächst im Traktatverein mit. Im April 1846 beginnt er mit weiteren sechs Lehrern in einem Haus am Nürnberger Obstmarkt seine Tätigkeit als „Inspektor“ der „Missionsvorbereitungsanstalt“. Nach der Trennung von der Ohio- und Michigan-Synode rufen die Neuendettelsauer Nothelfer mit sächsischen Pfarrern um Carl Ferdinand Wilhelm Walther ein Jahr später in Chicago die „Deutsche Lutherische Synode von Missouri, Ohio und angrenzenden Staaten“ ins Leben.
Die nordamerikanischen Kolonien
Auf Anregung Löhes gründen nach intensiver Vorbereitung in Neuendettelsau im Jahr 1845 deutsch-lutherische Siedler unter der Leitung des Nothelfers August Crämer die Kolonie „Frankenmuth“ unweit des östlichen Ufers des Huronsees in Michigan. Bis 1850 folgen die Siedlungen „Frankentrost“, „Frankenlust“ und „Frankenhilf“, von denen aus nach Löhes Vorstellungen auch die Indianermission betrieben werden soll.
Das "wandernde" Kolonisationskapital
Für die Finanzierung der Siedlerkolonien entwickelt Löhe die Idee vom sog. ‚wandernden Kolonisationskapital‘. Den deutsch-lutherischen Siedlerfamilien werden preisgünstig bereits erworbene Gründstücke verkauft. Das zurückbezahlte Kapital wandert weiter an einen anderen Ort, um dort als bebaubares Land anderen Kolonisten zur Verfügung zu stehen. Mit dem Geld der Kolonisationskasse wird später auch das 1862 errichtete Waisenhaus der Iowa-Synode in Toledo, Ohio unterstützt.
Lutherische Indianermission in Michigan
Im Jahr 1846 beginnt August Crämer mit der von Löhe aufgetragenen Indianermission. In Frankenmuth unterrichtet er mit einem Dolmetscher Kinder des Stammes der Chippewa. Ein Jahr später trifft der Leipziger Missionar Eduard Baierlein mit seiner Frau zur Unterstützung Crämers in Frankemuth ein. Da die Chippewa wegen der Besiedlung nach Westen ausweichen mussten, folgt Baierlein ihnen dorthin nach. Bis zu seiner Abberufung nach Indien im Jahr 1853 kann er beinahe die ganze Sippe von Häuptling Bemassikeh taufen. Mit Baierleins Weggang beginnt der Niedergang der von der Missouri-Synode ausländischen Missionsgesellschaften überlassenen lutherischen Indianermission in Michigan. Mit der zwangsweisen Einweisung der Chippewa in ein Reservat endet sie ganz.
Liturgische und katechetische Arbeit für die "jenseitigen Brüder"
Für die lutherischen Auswanderergemeinden erstellt Löhe nach zweijähriger Arbeit bis 1844 eine Privatagende, die auch auf den Agendenprozess der bayerischen Landeskirche im 19. Jahrhundert einwirkt und die liturgische Forschung bis heute anregt. Sein „Haus-, Schul- und Kirchenbuch für Christen des lutherischen Bekenntnisses“, dessen erster Teil im Jahr 1845 erscheint, entwirft er ebenfalls vornehmlich für die in den „Wäldern Nordamerikas“ wohnenden Auswandererfamilien.
Bruch mit Missouri und Gründung der Iowa-Synode
Wegen unterschiedlicher Anschauungen von Kirche, Amt und Kirchenregiment kommt es im Sommer 1853 zum Bruch zwischen Löhe und der Missouri-Synode. Unter der Leitung von Georg Großmann und Johannes Deindörfer brechen 22 Siedler und Seminaristen Mitte September 1843 nach Iowa auf, um dort Land zu erwerben und eine neue Synode zu gründen. Sie errichten in Clayton County die Ortschaft St. Sebald und rufen dort am 24. August 1854 die „Evangelisch-Lutherische Synode von Iowa“ ins Leben. Zum ersten Präses der Synode wird Georg Großmann gewählt.
Ausbau der Missionsarbeit
Nach dem Umzug der Missionsvorbereitungsanstalt von Nürnberg nach Neuendettelsau im Jahr 1853 erwirbt Friedrich Bauer 1854 die „Obere Wirtschaft“ als Sitz der Anstalt. 1867 wird an gleicher Stelle die neue „Missions-Anstalt für Nord-Amerika“ errichtet, die man 1870 weiter ausbaut. Das Hauptaugenmerk des Inspektors und seiner Missionsschüler liegt seit 1854 auf der Fortentwicklung der Iowa-Synode. Diese gründet im selben Jahr in Dubuque ein Predigerseminar mit angegliederter Vorbereitungsschule. 1857 wird in St. Sebald ein neues Seminargebäude eingeweiht, das den Namen „Wartburg“ erhält. Zur Unterstützung Großmanns sendet die Missionsanstalt Sigmund und Gottfried Fritschel nach Iowa. Zusammen bereiten die Brüder als Professoren des Seminars über Jahrzehnte hinweg die zukünftigen Pastoren der Iowa-Synode auf ihren Dienst vor.
Moritz Bräuninger und die Indianermission der Iowa-Synode
Auch die Iowa-Synode wird von Löhe und Bauer zur Indianermission ermuntert. Die Hauptlast der Missionsarbeit wird allerdings von den Neuendettelsauer Einrichtungen und ihren Nothelfern getragen. Die Missionsarbeit bei den Crow und Chayenne ist aufgrund der äußeren Umstände und geringen Erfahrung der Missionare äußerst schwierig und wird 1867 wieder eingestellt. Den traurigen Höhepunkt der missionarischen Bemühungen stellt die Ermordung Moritz Bräuningers am 23. April 1860 im umkämpften Grenzland der verfeindeten Crow, Blackfeet und Sioux am Powder River dar.
Kampf um eine lutherische Landeskirche
Die Revolution von 1848/49 begreift Löhe als Chance für die Kirche, sich von den Fesseln des Staates zu lösen und eine der lutherischen Lehre gemäße Gestalt anzunehmen. Bereits 1845 hat er in seiner bekanntesten Schrift „Drei Bücher von der Kirche“ seine Vision von der lutherischen Kirche als einigende Mitte der Konfessionskirchen dargelegt. Mit seinen Neuendettelsauer Weggefährten reicht er auf der Anfang 1849 in Ansbach tagenden Generalsynode eine Petition ein, die eine grundlegende konfessionelle Reform unter anderem durch die Abschaffung der obersten Bischofsgewalt (Summepiskopat) des bayerischen Königs, die Verpflichtung der Geistlichen auf das lutherische Bekenntnis, getrennte lutherische und reformierte Abendmahlsfeiern, die strengere Handhabung der Kirchenzucht sowie die Einführung des Diakonenamtes einfordert. Auf die Ablehnung der Forderungen durch die Generalsynode reagiert Löhe mit der Ankündigung seines Ausscheidens aus der Landeskirche.
Unverhoffte Wendung in der Auseinandersetzung mit der Kirchenleitung
Nach brieflichen Aufforderungen überzeugter Lutheraner aus Schlesien und Norddeutschland, die Landeskirche nicht freiwillig zu verlassen, setzt Löhe seine Austrittsabsicht nicht in die Tat um. Stattdessen wendet er sich mit seinen Freunden in den folgenden Jahren mit weiteren Eingaben an das Oberkonsistorium. Ihr Ziel ist die „ungemischte Abendmahlsgemeinschaft“ in der lutherischen Kirche. Deshalb halten sie die organisatorische Trennung von den reformierten Kirchengemeinden für unabdingbar. Der Konflikt mit der Kirchenleitung eskaliert, als im Juli 1851 Löhe und mit ihm weitere acht Pfarrer mit Unterstützung ihrer Gemeinden erklären, fortan einem reformierten oder unierten Christen kein Abendmahl mehr reichen zu wollen. Weil dem katholischen König Maximilian II. eine Separierung konfessioneller Lutheraner in Bayern ungelegen kommt, verweigert er sich dem ministeriellen Antrag auf Suspendierung Löhes und der anderen Pfarrer und beruft stattdessen am 9. September 1852 den Dresdener Oberhofprediger Adolf von Harleß zum Präsidenten des Oberkonsistoriums.
Konfessionelle Vereinheitlichung der Landeskirche
Der ehemalige Erlanger Professor Adolf von Harleß, der Löhe bereits seit der gemeinsamen Nürnberger Schulzeit kennt und wie dieser eine ähnliche theologische Entwicklung von der Erweckungsbewegung hin zum konfessionellen Luthertum durchlaufen hat, macht die konfessionelle Vereinheitlichung der Landeskirche zu einem Anliegen der Kirchenleitung. Auch wenn er die oberste Bischofsgewalt des Königs nicht abschafft, setzt er viele Forderungen Löhes und seiner Freunde in die Tat um. Die protestantische Landeskirche wird unter seiner Leitung zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“.
Klärungsprozess zur Rolle der Diakonie
Die diakonischen Aktivitäten Johann Hinrich Wicherns lösen bei Löhe in den Jahren 1848/49 einen Klärungsprozess zur Rolle der Diakonie innerhalb seines konfessionellen Kirchen- und Amtsverständnisses aus. Während Wichern die Diakonie zur Aufgabe der gesamten Gesellschaft erhebt, begreift Löhe zu diesem Zeitpunkt diakonisches Handeln als Aufgabe der Ortsgemeinden unter der Leitung des Pfarramtes.
Diakonische Projekte als Gemeindepfarrer
Neben seinen pfarramtlichen Tätigkeiten, die auch die Vorstandsarbeit der örtlichen Armenpflege beinhaltet, beginnt Löhe mehrere diakonische Projekte in Neuendettelsau, die jedoch alle von kurzer Dauer sind oder in der Planungsphase stecken bleiben. Anders verhält es sich mit der im Dezember 1853 geäußerten Absicht, in Neuendettelsau eine Diakonissenanstalt gründen zu wollen. Für dieses diakonische Projekt, mit dem er sich in der Folgezeit intensiv und erfolgreich beschäftigt, holt er sich auch Informationen über den Werdegang des von Theodor Fliedner mit seiner Ehefrau Friederike am 13. Oktober 1836 eröffneten ersten deutschen Diakonissenkranken- und Mutterhauses in Kaiserswerth bei Düsseldorf ein.
Gründung der Diakonissenanstalt Neuendettelsau
Löhe hat eine Bildungsanstalt für Frauen im Sinn, die mit seiner ortsgemeindlichen Konzeption der Diakonie unter dem geistlichen Amt vereinbar ist. Mit der Diakonissenanstalt will er die von ihm in seiner Pfarrgemeinde wahrgenommene und seiner Meinung nach natürlich vorhandene Fähigkeit der Frauen zum christlichen Liebesdienst weiter ausbilden. Nach ihrer Ausbildung sollen die Frauen wieder entlassen werden und in ihren Gemeinden diakonisch zum Aufbau der lutherischen Kirche wirken. Im Dezember 1853 gründet Löhe mit einer Gruppe von Frauen und Männern in Windsbach den „Lutherischen Verein für weibliche Diakonie“, der dieses diakonische Projekt in die Wege leiten soll. Um eine große Breitenwirkung zu erzielen, plant man, möglichst viele „Hilfsvereine für weibliche Diakonie“ in ganz Bayern ins Leben zu rufen. In Neuendettelsau beginnt am 9. Mai 1854 im „Gasthaus zur Sonne“ der erste Ausbildungskurs der Diakonissenanstalt Neuendettelsau mit sieben Diakonissenschülerinnen und acht weiteren jungen Frauen.
Drei Vorsteherinnen und eine Oberin
Löhe zur Seite stehen die drei Vorsteherinnen Karoline Rheineck, Amalie Rehm und Helene von Meyer. Sie leiten und ordnen die Hausgemeinschaft und übernehmen ab dem zweiten Kurs den Unterricht "in den allgemeinen Gegenständen". In die Krankenpflege führt der Windsbacher Arzt ein. Den musikalischen und liturgischen Unterricht verantwortet der Neuendettelsauer Kantor. Die liturgische Ausbildung unterstützt zudem noch Löhes langjähriger Freund Friderich Hommel, der ein Experte auf dem Gebiet des Psalmengesangs ist. Am 7. August 1855 werden der Diakonissenanstalt die Rechte einer öffentlichen Korporation verliehen. Nach dem frühen Tod Karoline Rheinecks und dem Ausscheiden Helene von Meyers wird Amalie Rehm noch im selben Monat zur alleinigen Vorsteherin der Anstalt. Am 2. Februar 1858 segnet sie Löhe als erste „Oberin“ der Diakonissenanstalt Neuendettelsau ein.
Kurswechsel zur Mutterhausdiakonie
Im September 1857 kündigt Löhe in dem im Juli erstmals aufgelegten „Correspondenzblatt der Diaconissen von Neuendettelsau“ die Gründung eines Mutterhauses an. Zur Aufgabe seines bisherigen gemeindediakonischen Konzepts veranlassen ihn die sich nach einem gemeinsamen Mutterhaus sehnenden Diakonissen, der Misserfolg der vom Verein für weibliche Diakonie beabsichtigten Gründung von möglichst vielen Zweig- bzw. Hilfsvereinen in Bayern sowie die eigene Einsicht, dass die von ihm gewünschte Erhaltung des „Diakonissensinnes“ bei den gesandten Schwestern den Rückhalt eines Mutterhauses benötigt. Noch im Gründungsjahr 1854 wagt Löhe trotz des finanziellen Risikos den Neubau eines Diakonissenhauses. Nach dem Kurswechsel im Jahr 1857 wird es zum Mutterhaus der Neuendettelsauer Diakonissengemeinschaft.
Ordnung und Tracht der Diakonissen
Mit der Hinwendung zur Mutterhausdiakonie werden die Strukturen im Zusammenleben der Diakonissen straffer und die Ansprüche an ihre Lebensführung und Berufsausübung höher. Die auswärtigen Diakonissen schließen sich zu Kapiteln mit jeweiliger Oberin zusammen und müssen dem Mutterhaus über alle Vorkommnisse Bericht erstatten. Seit Ende 1855 tragen die Schwestern zudem eine einheitliche Tracht, die 1863 in den Statuten endgültig festgelegt wird.
Organisation und Entwicklung der Diakonissenanstalt
Seit 1857 liegt die Leitung der Diakonissenanstalt in den Händen des Direktoriums, das vom Rektor, dem Konrektor und der Oberin gebildet wird. Löhe sorgt für eine zentralistische Organisation der Anstalt mit dem Rektor an der Spitze, dem nach der revidierten Satzung von 1860 unter anderem die eigenständige Klärung von Rechts- und Finanzfragen zugestanden wird. Mit der straffen Leitungsstruktur reagiert Löhe auf die ständig zunehmende Arbeit, die sich äußerlich auch durch den kontinuierlichen Zuwachs an Einrichtungen niederschlägt.
Entwicklung der Behindertenarbeit
Am 1. Juni 1865 erwirbt Löhes Sohn Ferdinand das Schloss Polsingen mit dem dazugehörigen Gut. Trotz der finanziellen Belastung unterstützt Löhe den Kauf seines Sohnes, der mit dem Unterhalt des Anwesens seine Lebensaufgabe gefunden hat. Mit dem Erwerb können die räumlichen Verhältnisse der Diakonissenanstalt verbessert werden. Das Anwesen wird zur Filiale der sog. „Blödenanstalt“ ausgebaut. 1891 kommen das Markgrafenschloss Bruckberg und 1892 das ehemalige Kloster Himmelkron als weitere Filialen für die Behindertenarbeit hinzu.
Diakonissenstationen im In- und Ausland
Bereits in den Anfangsjahren erhält das Direktorium der Diakonissenanstalt zahlreiche Bitten um Sendung von Diakonissen. Auf der Grundlage vertraglicher Vereinbarungen zwischen der Diakonissenanstalt und den jeweiligen Trägern entstehen zur Lebzeit Löhes in allen lutherischen Gebieten Bayerns „Diakonissenstationen“ mit Neuendettelsauer Schwestern. Außerhalb Bayerns führen die zahlreichen Kontakte Löhes im In- und Ausland zu 28 Stationen in Deutschland und zum Einsatz von Diakonissen in Bessarabien, im Baltikum, in Frankreich und in Nordamerika.
Weibliche Diakonie unter dem geistlichen Amt
Auch unter anstaltsdiakonischen Strukturen soll die Diakonissenanstalt nach dem Willen Löhes dem Aufbau der lutherischen Kirche dienen. Die Diakonissenschülerinnen werden hierfür in eine Frömmigkeitspraxis eingeübt, die sowohl den liturgischen Ansprüchen der lutherischen Kirche, als auch dem Dienstcharakter gegenüber dem Predigtamt genügen soll. Im Ausbildungsprogramm der Anstalt nimmt daher die liturgische Bildung von Anfang an eine herausgehobene Position ein. Dem Dienstcharakter legt Löhe seine zeittypische Vorstellung von der „weiblichen Einfalt“ zugrunde. Diese zeichnet sich für ihn durch die schöpfungstheologische Erkenntnis der Differenz von Mann und Frau und der damit einhergehenden Unterordnungs- und Dienstbereitschaft der Frau aus. Was das für den kirchlichen Dienst der Diakonisse bedeutet, bringt Löhe um 1860 in seinem bekannten Diakonissen-Wahlspruch „Was will ich? Dienen will ich! […]“ zum Ausdruck.
Neuendettelsauer Paramentik
Der seiner Meinung nach unwürdigen äußeren Erscheinung der lutherischen Kirche begegnet Löhe unter anderem mit seinem im Winter 1857/58 den Diakonissenschülerinnen vorgetragenen Diktat „Vom Schmuck der heiligen Orte“. Der in gedruckter Form erstmals 1859/60 im Correspondenzblatt vorliegende Text wird zu einer Grundlagenschrift der evangelischen Paramentik. Löhe konzipiert sie als eine Lehre vom rechten Wandel im Haus Gottes. Ihr Gegenstand sind der heilige Raum und die heiligen Geräte. Bereits Ende Januar 1858 bildet sich ein Paramentenverein, der sich nach kurzer Zeit wieder auflöst. Das Diakonissenhaus setzt im Mai 1859 die Arbeit mit einer „Paramentenklasse“ fort, deren Leitung im August 1860 Diakonisse Sara Hahn übernimmt. Mit ehemaligen Schülerinnen gründet Schwester Sara im April 1866 einen zweiten Paramentenverein. Unter ihrem Vorsitz entwickelt er sich zu einer dauerhaften Neuendettelsauer Institution. Nach dem Bau der Laurentiuskirche im Jahr 1887 richtet er im ehemaligen Betsaal eine dort noch heute tätige Paramentenwerkstatt ein.
Neuendettelsau und die Kriege von 1866 und 1870/71
Am preußisch-österreichischen Krieg von 1866 wie am deutsch-französischen Krieg von 1870/71 nehmen Neuendettelsauer Diakonissen in den Front- und Heimatlazaretten teil. Neun Diakonissen, darunter Sara Hahn, wohnen sogar der am 18. Januar 1871 stattfindenden Proklamationsfeier des deutschen Kaisers im Prunksaal des Schlosses zu Versailles bei. Die Ausrufung des zweiten deutschen Kaiserreiches löst auch in Neuendettelsau eine nationale Begeisterung aus. Ihr sichtbarer Ausdruck ist die von der Diakonissenanstalt mit nationalem Pathos durchgeführte Pfanzung der Friedenseiche am 19. Mai 1871. Der kränkliche Dorfpfarrer Löhe teilt die nationale Euphorie. In seinen überarbeiteten „Gebeten in gegenwärtiger Kriegszeit“ begegnet man jedoch auch einem Theologen, der den Versöhnung und Frieden stiftenden gnädigen Vater aller Menschen und Völker anruft.
Krankheit und Abschied als 'Diakonissenleiche'
Mit einem leichten Schlaganfall am Pfingstsonntag 1863 beginnt für Löhe eine lange Zeit der Krankheit, die am 2. Januar 1872 nach einem schweren Schlaganfall endet. Bei seiner Beisetzung am 5. Januar auf dem Neuendettelsauer Dorffriedhof hält sich die große Trauergemeinde an seine Weisung, die schlichte Beerdigungsliturgie für Diakonissen ohne Leichenpredigt durchzuführen.





































